Das Umfeld gilt als gut informiert

Bei der Lektüre dieses Artikels musste ich erst schmunzeln – und fühlte mich einen Augenblick später ertappt.
Fiete Stegers, freier Journalist und Grimme-Award-Preisträger 2003 für das Portal onlinejournalismus.de, schreibt in einem aktuellen Beitrag über die Formulierung “gilt als”.
“Gilt als” sei schlechte Journalistensprache, titelt Stegers.
Häufig soll das “gilt als” aber verschleiern, dass es gar keine nähere Quelle für diese Einschätzung gibt – oder dass sie verschwiegen wird, weil der Schreiber/Sprecher ihr selbst nicht traut. Ein “gilt als” – diese leichte Distanzierung verleiht dem Journalisten den Anschein von Objektivität, während zugleich die beschriebene Zuschreibung durch nicht näher definierte Autoritäten schon fast umumstößlich ist.
Wie oft habe ich selbst schon “gilt als” geschrieben? Wohl unzählige Male. Beispiele aus dem Sport gefällig?
Trainer X gilt als großer Fan von Spieler Y.
Der Coach gilt als möglicher Nachfolgekandidat.
Er gilt als begnadeter Motivator.
Scheich XY gilt als spendabel.
Spieler X gilt als größtes Nachwuchstalent aller Zeiten.
Trainer M. gilt als Transferkönig.
Stegers schreibt, der Journalist nutze “gilt als”, weil er zu faul sei,
genauer anzugeben, für wen oder unter welchen Voraussetzungen A als B gilt.
Stegers verweist außerdem noch auf die gängige Formulierung der “politischen Beobachter”,
die der Journalist im Zweifel alles sagen lassen kann, was er will und sich unter eigenem Namen nicht traut.
Ich füge noch hinzu:
Experten.
Insider.
Kritiker.
Das (persönliche) Umfeld.
Gut informierte Kreise.
Diese kann der Journalist anführen, wenn er sich selbst nicht sicher ist. Und diese wissen immer Bescheid.
Im Extremfall kann es aber auch heißen: “Experten wollen wissen, dass…”
Alles klar?
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