“Selektion ist ein journalistischer Wert an sich”

Eine Meldung, die schon ein paar Tage alt ist, die ich aber erst gestern gesehen habe: stern.de baut ab – und zwar die Menge an Inhalten. Das Nachrichtenportal will mehr in die Tiefe statt in die Breite gehen. Heißt im Klartext: Klarer Fokus auf einige Topthemen des Tages. Der Rest kommt entweder als Kurzmeldung auf die Seite – oder ganz einfach gar nicht.

Mut zur Lücke kann man das auch nennen. Im täglichen Kampf um Visits und Page Impressions wird stern.de das Rennen gegen die Platzhirschen wie Spiegel Online und Bild.de nicht gewinnen.

Daher konzentriert man sich auf Hintergrund, Analyse und Service. Die starke Bildsprache bleibt erhalten.

stern.de löst die bisher vorhandenen acht Ressorts auf. Künftig gibt es derer nur mehr zwei: Die beiden Groß-Ressorts Nachrichten und Wissen.

In einem Interview mit meedia erläutern Chefredakteur Frank Thomsen und Geschäftsführer Christian Hasselbring ihr Konzept. “Das Nachrichtenteam kümmert sich um alles im News-Bereich, das Wissensteam soll mit Ratgeberkompetenz, Service und Hintergrundinformationen punkten. Wie setzen auf die großen Themen, hier wollen wir die Fachkompetenzen bündeln”, sagt Thomsen.

Sicher eine mutige Entscheidung, aber aus meiner Sicht absolut begrüßenswert. Wer braucht jede Agenturmeldung x-mal auf jedem x-beliebigen Portal? Eben. Denn die Entscheidung, eine Meldung einfach wegzulassen – weil sie dem User ohnehin nur das Gefühl “hier lese ich auch nichts anderes als anderswo” gibt – ist der erste und wichtige Schritt, um vom Online-Einheitsbrei wegzukommen.

So schreibt Standard-Journalist Harald Fidler bereits vor über fünfeinhalb Jahren: “Wenn der Onlineredakteur nicht sämtliche der täglich hunderten Agenturmeldungen einfach kopiert, wählt er Nachrichten für seine Leser aus, und das ist eine zutiefst journalistische Tätigkeit. Ebenso, eine eigene Headline zu texten, einen eigenen Vorspann zu schreiben.”

Man bedenke, dass Fidlers Artikel in einer Zeit geschrieben wurde, als Onlinejournalismus das lästige Copy&Paste-Etikett anhaftete. Ein Etikett, das teilweise heute noch dranpickt.

Ähnlich wie Thomsen argumentiert der ehemalige Kurier-Chefredakteur Christoph Kotanko vor wenigen Wochen in einem Horizont-Interview (in dem er von Printredakteuren und den “anderen Kräften” spricht, dazu zu einem späteren Zeitpunkt mehr): “In manchen Online-Redaktionen herrscht die Meinung, dass man ein 24- Stunden-Dauerfeuer veranstalten sollte. Ich halte das, wenn ich mir im Tagesverlauf die Zugriffszahlen anschaue, für Unsinn.”

So sieht dies auch Thomsen. “Selektion ist ein journalistischer Wert an sich”, sagt der stern.de-Chefredakteur. Oder wie schreibt Jeff Jarvis? “Cover what you do best. Link to the rest.”

Wenn ich einen tollen Artikel zu einem bestimmten Thema finde, muss ich das Rad nicht neu erfinden – das wohl wichtigste Ding des WWW ist in diesem Fall der Link, mit dem ich einen interessierten Leser weiterleiten kann. Journalist sein, heißt auch, Wegweiser zu sein.

Klar ist auf jeden Fall: more of the same hilft niemandem. Weder den Online-Angeboten und schon gar nicht den Usern. Es braucht mutige Schritte wie jene von stern.de. Selbst, wenn der Hintergrund ganz einfach ein finanzieller sein sollte.

Denn geht es nach der Online-Ausgabe des Horizont, muss stern.de auch aufgrund neuer Angebote des Medienhauses selektieren. “Die Free-Inhalte von stern.de sind nur einen Klick entfernt von künftigen kostenpflichtigen Digitalangeboten, etwa dem geplanten E-Magazin des Stern und Apps auf Tablet-Geräten. Da gilt es, die Angebote quantitativ und qualitativ sauber zu trennen, damit die Gratisinhalte den Bezahlangeboten nicht die Nutzer abgraben.”

+ Deutschland: Online-Nutzungsdaten im August 2010

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